Ihr Buch enthält theologisch-philosophische Gedanken wie „Gott ist Immanenz und Transzendenz zugleich“. Was meinen Sie damit?
Die Idee von der Werde-Welt, die Schöpfung – genau wie die Wissenschaft – als sich ständig entwickelnden Prozess zu begreifen, also nicht als etwas völlig Abgeschlossenes, korrespondiert für mich mit der Vorstellung von Gott, der gleichzeitig gegenwärtig für uns ist, die wir nun einmal in fassbaren Begriffen denken, und über unser Begriffsvermögen hinaus existiert. Aber dieses Begriffsvermögen ist ja nichts Abgeschlossenes, sondern entwickelt sich ebenfalls. Oder, wie Paulus es ausdrückt: „Jetzt sehen wir nur ein undeutliches Bild wie in einem trüben Spiegel. Einmal aber werden wir Gott von Angesicht zu Angesicht sehen“.
Die Bedeutung von Transzendenz beziehungsweise Gottesbezug nimmt besonders in westlichen Industrienationen ab. Ist das mit ein Grund, weshalb viele nach dem Motto leben „Nach uns die Sintflut“?
Einer davon, ja, aber einen weiteren sehe ich in dem pervertierten Missbrauch von Religion, wie er derzeit leider in allen Weltreligionen von einem Teil derjenigen, die sich auf sie berufen, praktiziert wird. Kardinal Marx hat mir bei seiner diesjährigen Ostersonntagspredigt hier aus dem Herzen gesprochen. Wer sich auf Gott beruft, um die Unterdrückung und Ermordung von Mitmenschen zu rechtfertigen, und dabei auch so viel vom Rest der Schöpfung wie möglich zu zerstören, der betet nicht Gott, sondern das sprichwörtliche goldene Kalb an – ganz gleich, ob er sich dabei auf Bibel, Koran, Tora oder ein anderes religiöses Framing beruft.
Manche Tech-Milliardäre träumen von einer Marsbesiedlung für den Fall, dass die Ressourcen der Erde aufgebraucht sind. Wird der Mars eines Tages die „Arche“ der Menschheit sein?
Unmöglich ist es nicht, doch ich hoffe, dass dann nicht nur die Reichsten der Reichen dort Zuflucht finden, um dem nächsten Planeten zu ruinieren, sondern so viele Menschen und Tiere wie möglich. Doch so schnell gebe ich unsere Erde nicht auf.
Viele Menschen fühlen sich angesichts der Klimakrise eher ohnmächtig als handlungsfähig. Sie appellieren an die Verantwortung jedes Einzelnen: Wo beginnt heute ganz konkret das „Archebauen“ im Alltag?
Mit scheinbaren Kleinigkeiten und vor allem Gemeinschaftssinn. Gibt es vielleicht in dem Mietshaus, in dem man wohnt, auch alte Leute, für die Abfalltrennung verwirrend oder schwierig ist, weil sie nicht mehr die Kraft haben, beispielsweise den Plastikabfall zur nächsten gelben Tonne zu bringen? Warum nicht anbieten, hier zu helfen? Wenn es kein gutes öffentliches Verkehrsnetz in der eigenen Gegend gibt – ist es dann vielleicht möglich, Fahrgemeinschaften zu gründen? Wenn das Kind sich das erste eigene Haustier wünscht – muss es wirklich ein Junges sein, statt sich in einem Tierheim ein Tier auszusuchen, das schon lange ein neues Zuhause sucht? Und so weiter.
Und, nicht zu unterschätzen: gehen Sie zwischendurch regelmäßig spazieren. Lassen Sie Bäume, Vögel, auch den Dackel der Nachbarin auf sich einwirken. Es ist immer leichter, sich für etwas einzusetzen, was nicht abstrakt bleibt, sondern das man jeden Tag um sich mit allen Sinnen wahrnimmt.
Die Fragen stellte Geraldo Hoffmann










